Altkanzler Gerhard Schröder rührt die Wahlkampf-Trommel

2013-08-21_kroepcke_150
 

ie reiten Attacke und fürchten sich nicht: Peer Steinbrück, Gerhard Schröder, Stephan Weil und die Hannoveraner Bundestagskandidaten trommeln vor 6.000 begeisterten Zuhörern auf dem Kröpcke für den Regierungswechsel.

(Vorwärtsbericht von der Klartext Open Air-Veranstaltung mit Peer Steinbrück)

 

 Diesmal hat ein anderer die Kavallerie gesattelt – Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der knöpft sich erstmal die Bundesregierung vor: „Von Politik kann man da kaum reden“, sagt er in Richtung Angela Merkel und ihre Minister. Da werde verwaltet, statt gestaltet, da werde das Volk in Sachen Europa „hinter die Fichte geführt“. Schröder zieht all denen den Zahn, die glauben, sie seien europapolitisch mit der Kanzlerin auf der sicheren Seite. „Wir werden für den Zusammenhalt Europas Geld auf den Tisch legen müssen“, sagt der Ex-Kanzler. Hintergrund sind Äußerungen von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Der hatte kürzlich ein drittes Hilfspaket für Griechenland in Erwägung gezogen, von dem die Kanzlerin aber nichts wissen will. Wenn die Bundesregierung diese Fakten nicht auf den Tisch lege, arbeite sie an einer „schrecklichen Wahlkampflüge“, so Schröder.

Seine letzten Worte gehen fast unter im Applaus der 6000, die auf den Kröpke, den großen Platz in der Hannoveraner Innenstadt, gekommen sind. Wie schon einen Tag zuvor in Detmold gibt Schröder damit den Ton an, für diesen Tag und für diesen Wahlkampf: „Rühre die Trommel und fürchte dich nicht.“ Gelaufen sei diese Wahl noch lange nicht, so seine Botschaft. 2005 habe die SPD um diese Zeit ähnliche Umfragewerte gehabt, und es dann doch fast geschafft. Schröder: „Diesmal streichen wir das fast.“

Peer Steinbrück, der überzeugte Europäer, nimmt den Faden auf, erinnert an die beiden Weltkriege, den Nationalsozialismus, die Wiedervereinigung und sagt: „Wir wollen diesen Kontinent zusammenhalten, auch weil es ökonomisch sinnvoll ist.“ Kein anderes Land sei von Exporten so abhängig wie Deutschland. Wolfgang Schäuble habe indirekt zugegeben, dass sparen, sparen nicht reicht, um krisengeschüttelten Ländern wie Griechenland mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent wieder auf die Beine zu helfen. Steinbrück: „Die brauchen ein Marshallprogramm, wie wir es gekriegt haben.“

„Der will nicht verwalten, der will gestalten“

Hannover, das ist für Gerhard Schröder, Peer Steinbrück und Stephan Weil ein Heimspiel. Gerhard Schröder trat 1998 von Hannover aus als niedersächsischer Ministerpräsident den Siegeszug ins Bundeskanzleramt an. Stephan Weil, der im Januar die Landtagswahlen gewonnen hat, war zuvor Oberbürgermeister von Hannover. Jetzt kandidiert am 22. September als sein Nachfolger Stefan Schostok. In Hannover, soviel wird schnell klar, gehen die Wahlkämpfer in die Offensive, auch in Sachen Agenda 2010.

Dass es uns in Deutschland vergleichsweise gut gehe, habe das Land auch Gerhard Schröder zu verdanken, der „vorausschauend und mutig“ agiert habe, so Stephan Weil und fügt, gerichtet an Angela Merkel, hinzu: „Man kann auch seine Zeit im Kanzleramt verbringen und keine Spuren hinterlassen.“ Peer Steinbrück hingegen, habe Deutschland durch eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise geführt. Weil: „Der will nicht verwalten, der will gestalten. Aus dem Holz sind Bundeskanzler geschnitzt."

Wie er das Land gestalten will, dazu können die Anwesenden Fragen stellen, die der Bundeskanzler in spe beantwortet. Wie lässt sich das Bildungssystem verbessern? Steinbrück: „Wir brauchen mehr Geld für Bildung. In Deutschland ist das Bildungssystem mit einem Prozent unserer Wirtschaftsleistung massiv unterfinanziert.“ Außerdem führe der Föderalismus dazu, dass Eltern mit Schulkindern kaum umziehen könnten. Wenn der Bund Geld für Bildung gebe, müssten sich die Bildungssysteme angleichen. Leih- und Zeitarbeit? „Das Normalarbeitsverhältnis soll wieder der Normalfall werden.“ Doppelte Staatsbürgerschaft? „Wir wollen sie einführen.“ Pflegenotstand? „Wir brauchen 120 000 neue Pflegekräfte in den nächsten vier bis fünf Jahren und die kriegen wir nur, wenn wir die besser bezahlen.“ Um das zu finanzieren, will die SPD den Beitragssatz zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozent erhöhen. 

„Die da oben in den Penthäusern“

Zu den Steuererhöhungen für Spitzenverdiener steht der SPD-Kanzlerkandidat. Die Einnahmen sollen in Bildung, Infrastruktur, Kommunen und Schuldenabbau fließen. „Auch die, die oben in den Penthäusern wohnen, sind dafür verantwortlich, dass es in diesen Häusern friedlich zugeht“, sagt er. Deshalb sollen Verheiratete mit einem zu versteuernden Einkommen von über 200 000 Euro mehr zahlen. „Bravo!“ schallt es dazu aus dem Publikum zurück.

Dass „Wir“ soll entscheiden, und nicht die Ellenbogen – dafür steht Peer Steinbrück, dafür tritt er an als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, und fügt zum Jubel seiner Zuhörer hinzu: „Und wenn das so weitergeht, werde ich das auch.“ 

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