Stolpersteine in Döhren-Wülfel - zum Angedenken an die Verfolgten des Nazi-Regimes

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Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In Döhren werden Ende März Stolpersteine im Gedenken an die Verfolgungen unter dem Nazi-Regime verlegt: am Mo, 22.03.2010, 14:00 Uhr für Fritz und Käte Meyerhof vor dem Haus Lechstr.2 und am Di, 23.03.2010, gegen 10:00 Uhr für Sally Grünberg und Else Wertheim

Mo, 22.03.2010, 14:00 Uhr, Lechstr.2 + Di, 23.03.2010, 10:00 Uhr Hildesheimer Str.377

Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden vor den letzten frei gewählten Wohnorten der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen.

Bis Januar 2010 hat Gunter Demnig über 22.000 Steine in etwa 530 Städten und Gemeinden in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Polen, Tschechien, der Ukraine und Ungarn gesetzt. Erste Stolpersteine in Norwegen und Dänemark sind im Jahr 2010 geplant.

Am 22. und 23. März 2010 werden im Stadtgebiet Hannover 14 weitere Stolpersteine verlegt.

Am Montag, 22.03.2010, 14:00 Uhr, werden vor dem Haus Lechstr. 2 zwei Stolpersteine für Fritz und Käte Meyerhof verlegt. Ursprünglich war geplant den Stolperstein vor dem letzten Wohnsitz in der Walderseestr. zu verlegen. Fritz und Käte Meyerhof wohnten davor in der Abelmannstr 18 A, (heutige Bezeichnung Lechstr. 2). Die Eltern der Stifterin waren die Vermieter der Wohnung.

Am Dienstag, 23.03.2010, gegen 10:00 Uhr (Treffen bereits 9:30 Uhr), werden zwei Stolpersteine für Sally Grünberg und seine Schwester Else Wertheim vor dem Haus Hildesheimer Str. 377 (jetzt Joey's Pizza-Bringdienst) verlegt.

Unsere Bezirksbürgermeister Frau Ranke-Heck schreibt uns:

"Im Anschluss an die Stolpersteinverlegung wird es in der St. Michael Kirche, Hildesheimer Straße 365, eine Nachbetrachtung der Veranstaltung geben.

Folgender Ablauf ist geplant:

- Begrüßung durch Frau Ranke-Heck
- Informationen über Leben und Schicksal von Sally Grünberg und Else Wertheim, Bericht von Herrn Dr. Schulze
- Christliche Pfadfinder berichten über ihre Erkundungen zu Sally Grünberg
- Beweggründe zur Stiftung, Stifterinnen der Stolpersteine
- Ausblick durch Herrn Pfarrer Hoffmann

Interessierte Bürgerinnen und Bürger sind zu dieser Veranstaltung herzlich eingeladen!

Mit freundlichen Grüßen

Christine Ranke-Heck

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1938-11-10_bundesarchiv_146-1970-083-44_zerstoertes_juedisches_geschaeft

Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg, November 1938

Die Verfolgung von Juden in Döhren und Wülfel

Jens Schade berichtet in seinem Buch "Döhren-Wülfel von der Urzeit... bis heute", erschienen im Wolfgang Hoffmann-Verlag, in einem Kapitel "auch in Döhren und Wülfel verfolgten die Nazis jüdische Mitbürger".

Im heutigen Stadtbezirk Döhren-Wülfel lebten vor 1933 kaum Mitbürger jüdischen Glaubens. In einem Geschichtsprojekt der Pfadfinder (VCP) ermittelten die jungen Christen für das Jahr 1925 in Döhren nur acht, in Wülfel 20 Personen. Bis 1939 sank diese Zahl in Döhren auf vier, in Wülfel auf drei ab.

Die deutschen Juden waren schon ab der Reichstagswahl 1933 diskriminiert und aus dem Öffentlichen Dienst ausgeschlossen worden. Seit dem Judenboykott des 1. April 1933 mussten zudem viele jüdische Freiberufler – beispielsweise Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Richter – ihren Beruf aufgeben. Damit wurden 1933 etwa 37.000 Juden aus Deutschland vertrieben.

Danach flaute die Verfolgung zunächst ab. Jüdische Unternehmen wurden zeitweise ausdrücklich nicht benachteiligt, um sensible Wirtschaftszweige nicht zu schädigen. Im März 1935 leitete Julius Streicher jedoch eine weitere Hetzkampagne gegen Juden ein, um die Bevölkerung auf strikte „Rassentrennung“ einzustimmen. Die Nürnberger Gesetze legalisierten diese im September. Zwar stieg die Zahl jüdischer Ausreiseanträge danach nicht wieder an; aber viele jüdische Unternehmer gaben dem Druck nach und verkauften ihre Firmen weit unter Wert oder schieden aus deren Leitung aus. Davon profitierten vor allem Warenhauskonzerne wie Horten sowie Finanzinstitute wie die Deutsche Bank oder die Dresdner Bank.

1937 zeichnete sich ein Kurswechsel von der schleichenden Verdrängung der Juden aus der deutschen Privatwirtschaft zu ihrer schnellen Zwangsenteignung durch den Staat ab. Im Januar forderte der „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler erstmals öffentlich die „Entjudung Deutschlands“, die das 25-Punkte-Programm der NSDAP 1920 als Ziel benannt hatte. Sie könne am besten durch Mobilisierung des „Volkszorns“ und Ausschreitungen erreicht werden.

Im Oktober wies das „Kampfblatt“ der SS, Das Schwarze Korps, auf die angeblich ungeschmälerte Macht der Juden in Handel und Industrie hin. Diese sei nicht länger zu dulden: "Heute brauchen wir keine jüdischen Betriebe mehr."

Am 17. August 1935 hatte die Gestapo die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ angeordnet, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und zu überwachen.

Am 28. März 1938 entzog ein Gesetz den Israelitischen Kultusgemeinden den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Das degradierte sie zu Vereinen ohne öffentliche Rechtsansprüche, deren Gebäuden kein staatlicher Schutz mehr zustand.

Nach einer weiteren Verordnung mussten die Schaufenster jüdischer Geschäfte im ganzen Reich mit einer weißen Aufschrift Jude oder dem Davidstern markiert werden. Als „Schutzmaßnahme“ ausgegeben, erleichterte dies Auffinden und Zerstörung.

Zum Jahrestreffen des Allgemeinen Rabbinerverbandes in München am 8. Juni 1938 erhielt die dortige jüdische Gemeinde den Befehl, die Synagoge nebst Gemeindehaus dem Staat abzutreten und binnen 24 Stunden zu räumen. Am Morgen des 9. Juni begann der Abriss. Im August wurde auch die Nürnberger, ab September die Dortmunder Synagoge abgerissen.

Seit Juni 1938 erfuhren entlassene jüdische Staatsbeamte, die noch Kontakte zu ehemaligen Kollegen pflegten, dass bald eine größere Zahl Juden in die KZs eingewiesen werden sollten. Das Reichssicherheitshauptamt forderte dazu Listen vermögender Juden von Finanzämtern und Polizeirevieren an. Diese zwangen die jüdischen Rabbiner per Vorladungen dazu, Namen und Adressen ihrer Gemeindemitglieder weiterzugeben. Am 14. Juni mussten jüdische Gewerbebetriebe sich registrieren lassen, am 15. Juni ließ Kurt Daluege als Chef der Berliner Polizei etwa 1.500 Juden bei Razzien festnehmen und in KZs bringen.

Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 zudem „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J abstempeln lassen. Diese Kennzeichen ermöglichten einerseits schnelle Verhaftung und Deportation, andererseits flächendeckende Enteignung und Abschiebung der Juden.

Bis Oktober 1938 wurden die drei bisher größten deutschen KZs in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen stark ausgebaut, so dass sie nunmehr zehntausende Gefangene aufnehmen konnten. Obwohl in Dachau bis dahin keine Juden inhaftiert waren, erhielt die Lagerleitung dort am 25. Oktober den Befehl, 5.000 Judensterne auf Häftlingskleider zu nähen. Zusätzliche Matratzen und Stroh wurden angeliefert.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-) stallnacht oder Reichspogromnacht genannt –  wurden vom nationalsozialistischen Regime organisiert die Einrichtungen jüdischer Bürger im gesamten Deutschen Reich zerstört..

Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.  Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündet

Das "Kaufhaus Julius Weihl" der jüdischen Familie in Döhren, Abelmannstr. 4, wurde in der Reichspogromnacht vom 9./10.11.1938 oder in der Folgenacht zertrümmert und geplündert. Der Sohn einer Familie aus dem übernächsten Haus, damals 9 Jahre alt, erinnert sich nur noch an Trümmer und Scherben, nicht an den Überfall. Seine Eltern, die er nach vielen Jahren befragte, wussten nichts über das weitere Schicksal der Familie Weihl. Wir hoffen, in Kürze mehr Informationen darüber zu erhalten.

Die Kulturinitiative Döhren-Wülfel, die nach Spuren jüdischen Lebens in Döhren und Wülfel sucht, bittet alle älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich noch an jüdische Familien oder Personen erinnern, um Mithilfe. Wir sind an den Lebensumständen, Berufen und ihrem weiteren Schicksal interessiert - ob sie emigrieren konnten oder deportiert wurden.

Der Inhaber eines Manufakturengeschäftes "J. Neuberg u. Söhne" in der Wernerstraße / Ecke Hildesheimer Straße war als Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg ausgezeichnet worden. Er stellte seine Orden im Schaufenster aus, um sich so gegen die nationale Hetze zu wehren. Aber auch Neuberg schloß noch vor 1938 sein geschäft. Über das Schicksal der beiden Familien ist nichts weiter bekannt.

Etwas mehr ist von dem Wülfeler Kaufhaus Sally Grünberg an der Hildesheimer Chaussee 113 überliefert. In der sogenannten "Reichskristallnacht" am 10. November 1938 raubten die Nazis unter dem Kommando des NSDAP-Ortsgruppenleiters das Konfektionsgeschäft aus und leiteten die gestohlenen Waren an die NSV weiter, wie es in einem Polizeibericht aus der damaligen Zeit heißt ( VCP, Döhren 33-35, S.130f). Ein Lesebriefautor hat sich im Maschseeboten Ausgabe 9/1995 näher mit dem Schicksall des Herrn Grünberg auseinandergesetzt. Danach wurde er im Zuge der Plünderungsaktion verhaftet und in das Polizeigefängnis Hannover gebracht. Mitte Dezember 1941 transportierte man Sally Grünberg, der zwischenzeitlich im "Judenhaus" leben mußte, mit rund 1000 anderen Juden aus Hannover in das Ghetto Riga. Dort verliert sich seine Spur.

Möglicherweise, so fanden die jungen VCP-Forscher heraus, ging daneben der Leidensweg jüdischer Bürger aus Hildesheim durch den Stadtbezirk. In Sonderwagen der Straßenbahn sind sie wahrscheinlich durch Wülfel und Döhren hindurch zum Sammelplatz in Ahlem gebracht worden.

Quellen:

Jens Schade, "Döhren-Wülfel - Von der Urzeit bis heute", Verlag Wolfgang Hoffmann, Hannover

http://de.wikipedia.org/wiki/Reichspogromnacht

Weitere Informationen

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Das Kunstprojekt STOLPERSTEINE von Gunter Demnig

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Gunter Demnig

Gunter Demnig verlegt "Stolpersteine" in ganz Europa.

Das Projekt soll die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politische Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhalten.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen STOLPERSTEINE in über 500 Orten Deutschlands und in mehrern Ländern Europas. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE ... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch. Für 95 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines STOLPERSTEINS übernehmen.

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren, machte 1967 Abitur und beendete 1977 das Studium Freie Kunst, Universität Kassel. 1990 organisierte Gunter Demnig die erste Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln 1940. 1993 machte Demnig den Entwurf zum Projekt STOLPERSTEINE, 1997 die erste Verlegung in Berlin-Kreuzberg. Damals noch nicht genehmigt - später legalisiert. Ab 2000 werden STOLPERSTEINE in ganz Deutschland verlegt.

 

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